Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, wurde das Trierer Theater für einen Abend zum außerschulischen Lernort für uns: Mit insgesamt 137 Jugendlichen aus den DS-Kursen der MSS 11 und 12 sowie allen Deutschkursen der MSS 13 besuchten wir Thornton Wilders „Wir sind noch mal davongekommen“. Damit stellten wir einen beträchtlichen Teil des Publikums.
Die Erwartungen waren groß. Gerade für die Schüler*innen der MSS 12 bot die Ankündigung des Stücks einen besonderen Anknüpfungspunkt: Viele Brechtsche Verfremdungseffekte wurden versprochen – passend zu einem zentralen Thema des DS-Unterrichts. Für manche aus der MSS 11 war es der erste Theaterbesuch überhaupt, während andere Schüler*innen bereits deutlich theatererfahrener sind.
Der Abend verlief allerdings nicht für alle so, wie wir es uns erhofft hatten. Wilders Stück ist komplex, vielschichtig und voller Brüche. Gerade diese Überfülle erwies sich teilweise als Herausforderung.
Vor allem im ersten Teil war das Bühnengeschehen von einer starken Verdichtung geprägt: Die Figuren griffen ständig ineinander, überlagerten sich spielerisch und wechselten immer wieder in Brüche, während nahezu durchgehend im Hochstatus gespielt wurde. Diese bewusst gesetzte Überfülle erzeugte Spannung, machte es zunächst aber auch schwer, einen Zugang zur Geschichte und ihren Figuren zu finden. Im Publikum fiel es manchen Schüler*innen schwer, die Irritation auszuhalten und sich auf die ungewohnte Form einzulassen. Die Inszenierung erzeugte Fragen und Gesprächsbedarf.
Gleichzeitig entwickelte sich insbesondere der zweite Teil zu einem interessanten Kontrast. Er wirkte geschmeidiger, ließ die einzelnen Gedanken stärker zusammenfinden. Und plötzlich wurde deutlich, warum Wilders 1942 entstandenes Stück bis heute erstaunlich aktuell wirkt.
Denn bei aller Katastrophe zeigt Wilder einen Menschen, der immer wieder versucht, aus dem Schlamassel herauszukommen. Nach Krieg und Zerstörung werden Pläne geschmiedet, wird organisiert, eine – noch unausgereifte – Vision für die Zukunft entwickelt. Der Sohn blickt nach dem Krieg nach vorn, die Mutter beginnt erneut zu organisieren, die Tochter steht für das Kind und damit für eine mögliche Zukunft. Der Mensch strauchelt, steht wieder auf und macht weiter.
Und kaum sind die Trümmer beseitigt, kehren schon die alten Muster zurück: Plötzlich geht es wieder um den Nachbarn, der über den Rasen läuft. Ein ernüchternder Gedanke – und vielleicht gerade deshalb ein prophetischer.
So bleibt bei uns ein durchwachsener, aber anregender Theaterabend zurück. Nicht jede Inszenierung muss gefallen, um zum Nachdenken anzuregen. Gerade die Irritation, die Überforderung und die unterschiedlichen Reaktionen auf das Gesehene bieten Anlass für Gespräche: über Theater und Ästhetik, über Brechts Verfremdung, über die Frage, was eine Inszenierung leisten kann – und nicht zuletzt über Thornton Wilders erstaunlich zeitlose Sicht auf den Menschen.
Vielleicht ist genau das am Ende der Verdienst dieses Abends: Wir gingen nicht mit einer einheitlichen Meinung nach Hause. Aber wir hatten etwas zu diskutieren – und vor allem etwas, worüber wir weiter nachdenken können.
Oder, um mit Brecht zu schließen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

